Aus Krisen lernen und mit Herzblut ein Buch schreiben – Interview mit Dirk Ludwig [Podcast 032]

Dirk Ludwig ist ehemaliger Profi-Squash-Spieler und wohnt mit seiner Familie in Leichlingen. Wie er als Jungunternehmer in eine Firmeninsolvenz geraten ist, lebensbedrohliche Situationen meistern musste und vor allem, wie er den langen und steinigen Weg wieder herausgeschafft hat, erzählt er spannend und mitreißend in diesem Interview.

Interview Dirk Ludwig

Sein Weg ist geprägt von Suizidgedanken, den schmerzlichen Verlust vieler Freunde, aber auch von der bedingungslosen Liebe seiner Frau.

Der Buchautor gibt heute als Coach anderen Unternehmen die Sicherheit, dass sich die Wirtschaft im Wandel befindet und sie heute aus ihren Krisen lernen können.

Hier das Transskript des gesamten Interviews und vorab die im Interview erwähnten Links:

Links:

BVMW Bundesverband mittelständische Wirtschaft
Mit Feel Management erfolgreicher im Vertrieb: So schöpfen Sie Ihre Potenziale aus
Leseempfehlungen von Lars
„Mach Dein Ding“-Workshop
Impulse
Fuck-Up Nights
Polar M400 GPS-Laufuhr
Taskmanager: Wunderlist

Falls Ihr Fragen an Dirk habt, könnt Ihr ihn unter dirk.ludwig@me.com kontaktieren.

Interview:

(LB = Lars Bobach, DL: = Dirk Ludwig)

LB Herzlich willkommen beim Podcast „Produktiv in digitalen Zeiten“. Wir geben Orientierung im digitalen Dschungel, so dass wieder mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben bleibt. Mein Name ist Lars Bobach und ich sitze hier zusammen mit Dirk Ludwig. Hallo Dirk.

DL: Hallo Lars.

LB Dirk ist Coach, Trainer für Unternehmens-Kulturentwicklung und hat wirklich eine spannende Lebensgeschichte. Ja, Dirk, stell Dich der „Produktiv in digitalen Zeiten“ Community bitte einmal kurz vor. Was hast Du bisher gemacht? Was treibt Dich an? Und lass uns an dem privaten Mensch Dirk Ludwig bitte ein wenig teilhaben.

DL: Ja, gerne Lars. Ja, was bin ich? Ich bin 47 Jahre alt, wohne im Rheinland, genauer gesagt in Leichlingen seit 1994. Ich bin seit 27 Jahren mit meiner Frau Beate zusammen, habe zwei Kinder 14 und 17, Felix und Max und bin in meiner Jugend begeisterter Squash-Spieler geworden, habe das einige Jahre professionell ausgeübt, also, Sportprofi gewesen und bin mit gleichem Enthusiasmus dann irgendwann ins Berufsleben gestartet.

LB Du warst ja Unternehmer dann?

DL: Genau, mit 27 Jahren, nachdem ich das Squash abgelegt habe, bin ich Unternehmer geworden und bin heute sozusagen im 20.ten Jahr meiner Selbständigkeit mit vielen Höhen und Tiefen.

LB Genau, und da wollen wir auch einsteigen. Es ist ja immer ein Thema von mir, mit den Tiefen, mit dem Scheitern, da lernen wir am meisten. Und da hattest Du ja einen richtig tiefen Rückschlag. Lass uns da bitte mal ein wenig dran teilhaben, Dirk.

DL: Ja, es ist schön, dass das das Thema ist, weil es hat lange Jahre einen ganz großen Respektabstand für mich bedeutet und auch eine große Herausforderung, überhaupt darüber sprechen zu können.

LB Aber Du machst es jetzt mittlerweile sehr offen und das finde ich toll und das zeichnet Dich auch aus, Dirk.

DL: Danke schön. 2003 bin ich mit einem Unternehmen, das ich sieben Jahre vorher gegründet habe, in die Firmeninsolvenz gegangen. Das ist sicherlich für mich mit das prägendste Ereignis in meinem Leben.

LB Beruflich, ja. Erzähl uns doch mal, wie das genau war. Nimm uns mal mit in diese Geschichte.

DL: Ich habe mich mit einem Franchise-System selbständig gemacht und habe mir vorher aus vertrieblicher, kaufmännischer Sicht, das ist die Seite meiner Ausbildung, mir genau angeschaut, mit welchem Unternehmen ich mich einlasse. Ich habe erkannt, es gibt hervorragende Leistungsmerkmale, also Alleinstellungsmerkmale am Markt und habe damit losgelegt. Durch meinen Ehrgeiz geprägt, durch den Sport, durch den Squash, war ich sehr schnell sehr erfolgreich in diesem System, habe also tolle Verkaufserfolge gehabt.

LB Niederlagen kanntest Du bis da sehr wahrscheinlich auch gar nicht, oder?

DL: Doch, natürlich kannte ich Niederlagen, aber Niederlagen auf dem Squashcourt sind so, dass man nach dem Spiel definitiv verloren hat und sich dann überlegen konnte, was kann ich für nächste Woche, nächsten Monat, für den nächsten Wettkampf besser machen? Und habe mir dann eine Strategie überlegt, wie ich meine Energie besser oder anders einsetze und konnte so sehr schnell dann die Dinge wieder in Erfolge ummünzen. Im Wirtschaftsleben geht das etwas anders.

LB Okay, ja, wie war das?

DL: Die Verkaufszahlen waren hervorragend, das Besondere war, dass ich eine technische Abwicklung Durchführung musste, also, diese Produkte auch bauen und erstellen musste. Da begannen ganz viele Engpässe, nämlich, dass bestimmte Dinge in diesem Bausystem einfach nicht funktionierten und ich, ganz ehrlich gesagt, auch mit 27 Jahren noch sehr grün hinter den Ohren war, und sicherlich auch unternehmerische falsche Entscheidungen getroffen habe. Falsch insofern, dass ich im Nachhinein wusste, dass sie nicht richtig waren.

LB Das ist ja meisten so, aber wie hast Du Dich gefühlt, wie war das genau?

DL: Das begann – wie soll ich das erklären? – Es gab irgendwann Herausforderungen, denen ich mich stellen musste, die teuer waren in der Reparatur und wo ich zunächst einmal geschaut habe, ist alles richtig gelaufen? Und dann musste ich feststellen, dass bestimmte Dinge eben nicht richtig gelaufen sind. Ich durfte in meinem technischen Verständnis dazulernen und habe gemerkt, dass ich teure Fehler gemacht habe. Die habe ich am Anfang sehr klar gehandelt, aber mit der Zeit wurden diese technischen Fehler auf den Baustellen immer größer und teurer. Dann gab es eine Zeit, da ging mir die Liquidität aus. Ich kann mich erinnern, drei Jahre nach meiner Firmengründung, ich hatte mehr als 1 Million DM damals auf dem Girokonto, ich zahlte alle meine Rechnungen mit Skonto. Da rief der Wirtschaftsprüfer an und sagte: „Herr Ludwig, Sie sind bilanziell pleite, kommen Sie doch mal bitte ins Büro. Sie müssen eine Kapitalerhöhung durchführen.“ Und ich sagte: „Herr XY, keine Ahnung, wovon Sie reden, ich zahle meine Rechnungen mit Skonto, kann gar nicht sein!“ Ein paar Tage später wusste ich, dass dieses Ereignis mich durchaus einholen kann und sechs Monate später war es dann soweit. Dann kam aber natürlich meine sportliche Seite wieder raus und ich habe mir vorgenommen, mich da wieder rauszuholen. Ich habe einen Sanierungsversuch unternommen, der mir auch geglückt ist, was aber nicht dazu führte, dass die technischen Probleme auf den Baustellen geringer wurden. Sondern dadurch, dass ich hohe Verkaufserfolge hatte, zogen sich die Fehler potenziert, also multiplizierten sich dann, nach oben. Und die Schwierigkeiten wurden nicht kleiner, die wurden finanziell noch deutlich größer. Nach drei Finanzierungsrunden, heute würde man wahrscheinlich körperlich dazu sagen „Burnout“ oder „Depression“ und einem Kampf bis auf den letzten Euro musste ich dann irgendwann feststellen, es geht nicht mehr weiter. Es war ein Tag, da kam einer meiner Handwerker mit einer Pistole bei mir ins Büro und das war der Zeitpunkt, wo ich gemerkt habe, jetzt geht es nicht mehr das Überleben der Firma, jetzt geht es um mich persönlich, zu überleben. Und da habe ich auch festgestellt, dass ich da überzogen habe.

LB Das ist der Hammer! Ich muss mich erstmal schütteln bei der Geschichte! Aber okay, ganz schlimm, das ist wirklich unvorstellbar eigentlich, aber wie bist Du da rausgekommen? Du hattest schon Familie und Kinder, richtig?

DL: Ja, richtig, ich hatte zwei Kinder, meine Frau, wo ich lernen durfte, dass meine Frau auch in schlechten Zeiten zu mir steht, auch das habe ich in meinem Umfeld häufig anders kennenlernen dürfen. Von daher zunächst nochmal großen Dank an meine Ehefrau, dass sie auch in dieser Zeit zu mir gestanden hat. Ja, wie bin ich da rausgekommen? Erst einmal gar nicht. Ich sage heute immer dazu, ich wäre mit der Plastiktüte und Hab und Gut wieder bei mir ins Kinderzimmer eingezogen.

LB Okay, aber jetzt bist Du Unternehmensberater oder Coach, Trainer. Du hast Dich ja daraus entwickelt. Machst hier den BVMW, bist hier in der Region Rheinland dafür zuständig und alles. Das ist schon eine Erfolgsgeschichte danach auch wieder.

DL: Ja, das hat aber Jahre gebraucht. Zunächst einmal habe ich das große Glück gehabt, dass meine Eltern mich eine Zeitlang finanziell unterstützen konnten, sonst hätte ich wirklich alles Hab und Gut verloren. Das ist mir Gott sei Dank erspart geblieben. Was blieb, war ein sehr reduzierter Freundeskreis, weil die meisten Menschen in den guten Zeiten bei Dir sind und in den schlechten Zeiten von Dir weg wandern. Das kannte ich aber schon aus dem Profisport. Als ich mit 21 Jahren die Entscheidungen getroffen habe, nicht mehr Squashprofi zu sein, wendete sich auch ¾ meines Umfeldes von mir ab. Was aber blieb, waren in dem Fall die tiefen Verletzungen, nämlich, ich habe alles gegeben dafür, ich habe in bester Absicht gehandelt, ich wollte Menschen helfen, ihre Träume damit zu verwirklichen und was ist nachher rausgekommen? Ein riesen Scherbenhaufen und am Ende des Tages haben viele Menschen auf mich gezeigt und mich bedroht und Ähnliches und ich war der totale Verlierer.

LB Aber wie hast Du es denn in der Situation geschafft, den Mut nicht zu verlieren?

DL: Es gab in der Zeit Suizidgedanken von mir, ich habe wirklich über Selbstmord nachgedacht, weil ich für mich auch erstmal keinen Ausweg kannte. Dann merkte ich aber, meine Frau liebt mich. Bedingungslose Liebe, heute kann ich dieses Wort einordnen, weil ich es vorgelebt bekomme. Und dann gab es irgendwann, 6 oder 8 Monate später, auch eine Situation, da gab es etwas, dafür bin ich wieder aufgestanden und habe gesagt, okay, das ist mein Weg nach vorne. Ich bin aufgestanden und habe etwas gefunden, an das ich glaube. Und das war der Moment, wo wieder die Lebenskraft in mir zurückkam.

LB Willst Du uns verraten, was das war?

DL: Es war Network-Marketing.

LB Okay.

DL: So habe ich am Anfang auch geguckt, aber ich sage mal, Du kannst Dir vorstellen, dass in dem Moment, wo Du mit einer Firma pleite gegangen bist, wo viel verbrannte Erde um Dich herum geblieben ist, suchst Du nach einem Ausweg und das ist eben nicht von 9 to 5 arbeiten, irgendwo angestellt, sondern Du suchst nach einem Weg in Deine persönliche Freiheit. Du musst Dich komplett freikämpfen. Und dieses Network Marketing war sehr heilsam für mich. Ich habe in meinem ganzen Leben nie wieder – oder doch, heute ja – aber zu dieser Zeit nie wieder so ehrlich mit Menschen zusammenarbeiten dürfen. Ehrlich insofern, dass man erkennen lernen darf, dass ein „Nein“ nicht „Nein“ ist, dass ein „Ja“ nicht „Ja“ ist, dass das Tun das Sprechen ein großer Unterschied ist. Das waren ganz wichtige Lehren für mich im Leben.

LB Was würdest Du denn jetzt im Nachhinein sagen, wenn Du jetzt zurück guckst auf dieses Tal, das war ja wirklich sehr, sehr tief, was Du da durchschritten hast. Ich glaube, das können viele von uns, die das noch nicht erlebt haben, gar nicht so hundertprozentig nachvollziehen. Jeder hat ja mal irgendwie in die Fresse bekommen als Unternehmer, das ist ja normal. Aber Du hast ja nun wirklich die tiefsten Tiefen da erlebt, was soll die „Produktiv in digitalen Zeiten“-Community mitnehmen? Was kannst Du uns auf den Weg geben?

DL: Ich habe angefangen, Hörbücher zu hören, ich habe viel gelesen, ich habe viele Bücher gelesen, die Du auch auf Deiner Watchlist veröffentlicht hast.

LB Die Leseempfehlung, ja.

DL: Genau, ich habe viele Bücher aus diesem Bereich gelesen, habe mir die Zeit genommen, denn mir war eins klar – das Problem war nicht im Außen, das war nur der Spiegel dessen, was in mir war. Und ich habe dann erkannt, Chancen und Risiken gibt es im ganzen Leben, immer wieder kommen die an Dir vorbei, sowohl die Chancen als auch die Risiken. Ich habe dann verstanden, dass ich ein anderes Verständnis für mein Umfeld und für die Dinge, die mich berühren, entwickeln muss und dann auch die Chancen, die sowieso bei mir vorbeikommen, ich einfach nur nehmen muss. In diesem „Mindset“ hat sich viel verändert und so bin ich dann wieder auf den Weg der Tugenden zurück, diesmal aber nicht mit, wie soll ich sagen? Vielleicht war ich zu der Zeit, bevor ich als Unternehmer gescheitert bin, auch so ein bisschen unbelehrbar, denn ich wusste schon alles und mit meinem sportlichen Ehrgeiz wusste ich natürlich auch, wie man es schafft, wenn man 100 % gibt! Die wichtigste Botschaft da war für mich, die richtige Einstellung zu finden und das richtige innerliche „Mindset“ zu finden, um einfach vorwärts zu kommen.

LB Das sage ich auch immer, es ist alles eine Frage der Einstellung. Und die ganzen Grenzen, die wir uns setzen, existieren meistens nur in unseren Köpfen. Und das hast Du ja auch in der Zeit dann wirklich auch für Dich erkannt. Das ist auch genau immer mein Ding. Was mich in dem Zusammenhang interessieren würde, Dirk, die Kultur des Scheiterns in Deutschland, da sind wir nicht Weltmeister, auch wenn wir es im Fußball zurzeit sind, da hundertprozentig nicht. Wie hast Du das erlebt?

DL: Die Kultur des Scheiterns, einen Teil habe ich eben schon erzählt, die Menschen haben sich von mir abgewandt. Dazu empfand ich natürlich so etwas wie einen Abstand zu den Menschen, ich hatte kein inneres Gefühl, kein Selbstwertgefühl, kein Selbstbewusstsein mehr für mich und habe mich eigentlich auch von den Menschen mehr oder weniger abgewendet, weil mir vieles zuwider war. Ich habe gesehen, dass Menschen sehr geldorientiert unterwegs waren, das waren alles keine Dinge, die mich besonders angesprochen haben, sondern die Dinge, die mich interessiert haben, waren echte Beziehungen aufzubauen. Da gibt es nicht sehr viele Menschen, mit denen ich da tief in Kontakt gehen konnte.

LB Also, es ist schon eine Ausgrenzung dann auch passiert?

DL: Ja, ganz erheblicher Natur.

LB Schrecklich.

DL: Ja.

LB Das ist wirklich schade, wir berauben uns da unserer Chancen in Deutschland. Wenn man das einfach, jemand, der so offen darüber spricht, nochmal meinen Hut ziehen muss ich da, Dirk, Chapeau, dass Du so offen darüber sprichst. Aber, das ist doch das, was eigentlich auch das Unternehmertum ausmacht, dass man auch mal hinfallen darf und muss sehr wahrscheinlich und dass man auch mal wieder aufsteht. Man muss immer wieder aufstehen und ich finde es viel wichtiger, dass wir uns gegenseitig Mut machen. Das ist auch immer eines meiner Themen, Mut machen, auch wirklich mal scheitern und eine Krise haben. Das gehört dazu.

DL: Da sind wir, glaube ich, in Deutschland jetzt auf einem neuen Weg.

LB Wie kommst Du darauf?

DL: Das kann ich Dir sagen. Zunächst einmal gibt es Unternehmen wie Impulse, das ist eine Monatszeitschrift, die dürfte eigentlich jedem bekannt sein, die mittlerweile eine Fehlerkonferenz haben. Das heißt, die machen mehrmals im Jahr eine Konferenz in den Regionen, Düsseldorf war es zuletzt, und dort sprechen Unternehmer über ihre größten Fehler, die sie gemacht haben und was sie daraus gelernt haben. Weil das Learning von einem Fehler ist viel größer, als man allgemein glaubt, denn darin stecken so viele Chancen verborgen. Und ein zweites Thema, was es gibt, wir sind immer stärker auch im Bereich der Startup-Kultur unterwegs. Und eine Startup-Kultur ohne Fehlertoleranz wird es in Deutschland oder nirgendwo auf dem Globus geben. Das heißt, da findet etwas Einzug. Es gibt in Köln regelmäßig „Fuck up Nights“, die sind dazu da, dass Unternehmer von ihren größten Fehlern sprechen. Und das sind Dinge, die etwas aufbrechend sind. Gleichzeitig ist es aber traurig, dass 30 Prozent aller Schulabgänger heute gerne Beamte werden wollen.

LB 30 Prozent? Das ist nicht Dein Ernst!?

DL: Doch, das habe ich jüngst in einer Statistik gelesen, ich bin auch völlig vom Glauben abgefallen. 30 Prozent Menschen, die die totale Sicherheit wollen und die totale Kontrolle. Das ist natürlich der Pol, der dagegen läuft. Ich hoffe, dass ich in und mit meinem Leben noch dazu beitragen kann, dass Menschen sich etwas wagen, raus aus der Komfortzone kommen und nach vorne kommen.

LB Super, ja, dieses „Fuck up“, das wusste ich gar nicht, aber ich glaube auch, dass die nachfolgende Generation hoffentlich dann auch, weil vom amerikanischen Markt geprägt, offener damit umgeht. Ja, machen wir mal unter das Unternehmertum hier einen dicken Strich. Ich kenne noch ein anderes tolles Thema, das Du bietest. Du hast ja ein Buch geschrieben. Und zwar heißt das „Mit Feel Management erfolgreicher im Vertrieb“ und „viel“ jetzt nicht von „viel“, also „Fülle“, sondern von „Fühlen“, das amerikanische „feel“. Erzähl uns mal zu dem Buch, worüber das genau handelt.

DL: Ja, danke. Es ist ein Weg meiner Erkenntnisse. Ich habe 25 Jahre Vertriebserfahrung und war in vielen unterschiedlichen Investitionsgütern im End-Consumerbereich unterwegs, ich war im Network Marketing unterwegs, wie ich eben schon erzählt habe und habe festgestellt, dass viele Verkaufsseminare, die ich in vielen Jahren besucht habe, Verkaufstechniken manipulierende, Ja-sage-Strategien und weiß ich nicht, was ich alles kennengelernt habe, für mich wieder nicht befriedigend waren. Und als ich mich davon gelöst habe, mit Produkten unterwegs zu sein und gesagt habe, ich werde jetzt Trainer und Coach und helfe Menschen dabei, für sich nach vorne zu kommen, ist mir aufgefallen, dass die Hauptkompetenz der Menschen überhaupt nämlich dem „Fühlen“ zu tun hat. Also viel Management im Vertrieb bedeutet, wie habe ich gute soziale Kompetenzen und wie habe ich ein gutes Miteinander mit anderen Menschen und der Vertrieb geht dann von alleine und sowieso. Das war die Grundlage dieses Buches, einfach etwas zu schreiben, wie man in der Verbesserung mit Beziehungen zu anderen Menschen einfach auch den Weg des Vertriebes darüber erklären kann.

LB: Wenn Du jetzt einem Verkäufer oder Vertriebler jetzt einen Tipp aus diesem Buch mitgeben würdest, was wäre dieser Tipp?

DL: Für mich die größte Botschaft ist, bin ich in mir klar, bin ich auch nach außen klar und wenn ich mit einem Menschen in eine Kommunikation gehe, stelle ich für mich zunächst einmal sicher, dass ich keine Themen mit mir selber habe, also, ich unverbraucht und klar dem Anderen gegenübertreten kann. Und wenn ich mir die Zeit nehme, den Anderen zu verstehen, entsteht etwas, das hat mit Vertrauen zu tun, weil viele Menschen wünschen sich eigentlich einen guten Zuhörer, ohne selber guter Zuhörer zu sein zumeist. Und bist Du guter Zuhörer zu anderen Menschen und hörst wirklich proaktiv zu und bist bei dem Anderen dabei, baust Du das auf, was es benötigt, nämlich eine Grundlage des Vertrauens, so dass man dann auch in geschäftliche Beziehungen einsteigen kann.

LB Super, das ist wirklich absolut, wie ich das auch sehe. Gute Verkäufer sind gute Zuhörer und da natürlich, und das kommt in dem Buch dann auch raus, man selber in sich ruhen muss, um ein guter Zuhörer zu sein und nicht ein Sender, um die ganze Zeit zu zeigen, wie toll man selber oder das Produkt ist, sondern, dass man erstmal zuhört und den Kunden versteht. Was mich jetzt aber an dem Buch auch nochmal interessiert, ich meine, viele tragen sich mit dem Gedanken, ein Buch zu schreiben, ich unter anderem auch. Ich habe das auch ganz groß auf meiner Bucket-List stehen. Ich möchte auch unbedingt eins schreiben, wo hast Du die Motivation hergenommen dazu und wie die Disziplin auch, die dazu gehört.

DL: Da hatte ich Glück. Das Buch habe ich nicht alleine geschrieben, sondern zusammen mit meiner Trainerkollegen Ruth Marquardt. Und wir haben ergänzende Kompetenzen. Das heißt, ich habe für mich festgestellt, dass ich nah am Legastheniker bin, ich habe versucht, das Buch zu schreiben und habe gemerkt, dass ich mit meinen Gedanken schon zehn Sätze weiter war als das, was ich auf dem Papier hatte. Infolgedessen konnte ich nicht mehr das lese und verstehen, was ich da geschrieben habe. Das große Glück war, dass Ruth Marquardt mit 250 Anschlägen in der Minute früher mal Vorstandssekretärin in einem großen Konzern war und mein gesprochenes Wort unmittelbar in das Geschriebene umsetzen konnte. So entstanden sehr schnell sehr viele Inhalte, die ich 1:1 durchreden konnte.

LB Okay, also, viel gesprochen und ich meine, es muss nicht eine Sekretärin oder jemand, der das abtippt, dabei sein, man könnte es auch diktieren in ein Gerät, in ein iPhone oder so etwas und dann hinterher tippen lassen.

DL: Jein, was wir festgestellt haben, wir haben sehr früh dann den Vertrag mit Springer gehabt, es ist noch ganz wichtig, dass wir ein gutes Lektorat dabeihatten, weil wir haben auch teilweise den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen und waren dann wieder froh, durch das Lektorat wieder auf den Weg geführt zu werden, um sozusagen die Essenz wieder ins Klare zu bringen.

LB Okay, das ist dann im Prozess des Buches, wie es dann entsteht. Was würdest Du denn Unternehmern raten jetzt, die auch ein Buch, zum Beispiel wie mir, schreiben wollen, wie gehe ich denn da vor, was soll ich denn tun?

DL: Da gibt es für mich zwei grundsätzliche Dinge. Zunächst einmal würde ich keiner Marketingstrategie ausschließlich folgen, sondern ich würde auf mein Herz hören. Was ist dran, was muss raus? Und danach kann man nach einer Marketingstrategie suchen. Denn erst, wenn Du das gibst, was für Leib und Seele für Dich steht, dann wird es auch einen Weg geben, wie man Menschen dafür interessiert und das ist dann der Marketingweg. Also, niemals ein Buch als Marketing bauen, sondern ich schreibe ein Buch, weil ich etwas zu sagen habe. Ich habe etwas, von dem ich etwas zu sagen habe und daraufhin schreibe ich das Buch und suche damit dann auch nach einer Marketingstrategie. Und der zweite gute Tipp, den habe ich von einer Buchkollegin aus Leichlingen bekommen, die im Kinderbücherbereich sehr, sehr erfolgreich ist, Annette Langen. Sie hat mir gesagt, wenn du einen Verlag für dein Buch suchst, dann geh in einen großen Buchhandel, schau, wo würdest du dein Buch verkaufen in dem Buchhandel und dann schaust du dir ganz bewusst an, welche Verlage da sind und nimm sehr früh mit diesen Verlagen Kontakt auf, um mit denen sofort ein Agreement zu finden, ob sie es verlegen oder nicht. Und so haben wir es gemacht, wir haben am Ende des Tages drei Verlage angeschrieben und Springer Gabler war sofort dabei.

LB Klar, Du musst über das schreiben, was Du mitteilen willst. Wenn Du jetzt sagst, ich möchte mich gern als Experte irgendwo positionieren, wo Dein Herzblut nicht dranhängt, das funktioniert nicht, das sehe ich auch so. Aber, okay, Verlag suchen auch, aber wie finde ich denn die Zeit? Das ist für viele, die haben sehr wahrscheinlich eine Botschaft, die sie mitteilen wollen und die haben auch vielleicht, ich meine, so einen Verlag zu finden, okay, ist auch schwierig, aber heute kann man ja auch selbst verlegen und so was, ob das gut oder schlecht ist, keine Ahnung, aber, wie findest Du die Zeit?

DL: Zeit ist etwas, da haben alle gleich viel von. Es geht darum, die Priorität dafür zu legen und zu sagen, ist es mir das wert? Uns war klar, dass Buchschreiben ungefähr zwölf Monate dauert und dass da viel Herzblut rein muss. Wir haben uns die Zeit genommen und man muss trotzdem sagen, der Schwerpunkt der Arbeit lag mehr bei Ruth, weil sie dann mehr geschrieben hat und nochmal neu formuliert hat und es nochmal umformuliert hat. Ich habe eigentlich nur in meine Mitschriften der vergangenen Jahre geschaut, ich mache mir seit 2003 in Moleskin-Heften alle meine Notizen und ich habe mir die nur alle wieder wachgerufen und habe sie mir durchgelesen. Vieles ist mittlerweile tief verankertes Wissen gewesen und diese Dinge habe ich wieder nach vorne geholt und habe diese dann eben als Manuskripte abgegeben. Das hat viel Zeit gedauert, aber ganz ehrlich, es war eine Reise zu sich selbst, es war sehr schön, es war eine spannende Erfahrung und wenn Du das nicht mit Lust und Liebe tust, auch dann hat das Buch wahrscheinlich keine Seele.

LB Genau, ich kann da ja immer nur sagen, ich habe ja mein kleines E-Book geschrieben über die Selbstorganisation oder Selbstmanagement, dieses „LGTD“-Buch und ich habe mir da, ich bin wahnsinnig früh aufgestanden, habe mir jeden Tag anderthalb Stunden genommen vor dem Frühstück, bevor alle aufgestanden sind, ich saß um 5 Uhr an meinem Schreibtisch und so hat es auch funktioniert. Das ist ja dieses „the one thing“ oder bei mir heißt es ja mittlerweile „MDD“ „Mach Dein Ding“-Aufgabe einfach als allererstes, bevor man irgendwas Anderes tut, erstmal die wichtigste Aufgabe des Tages angehen.

DL: Respekt, Lars.

LB Das ist auf jeden Fall auch, wie man da vorgehen kann. Okay, super. Kommen wir zum Schluss langsam, zu unserer Schlussfragerunde, hier bitte ich um schnelle und kurze Antworten. Welcher ist Dein wichtigster Produktivitätstipp?

DL: Fokussierung auf die Lebensziele. Lerne dabei, das Wichtige von dem Unwichtigen zu unterscheiden.

LB Auf welche drei digitalen Gadgets kannst Du nicht mehr verzichten?

DL: Das ist einmal meine Polaruhr M400, die die Aktivität misst und das andere ist die Apple-Welt. Ich bin kein Apple-Jünger, aber sie machen die Dinge einfacher und funktionieren bei mir.

LB Okay. Welche App oder welchen Internetdienst kannst Du der „Produktiv in digitalen Zeiten“-Community empfehlen?

DL: Wunderlist.

LB Okay, das ist ein Taskmanager, im Prinzip die Konkurrenz zu „to do“, was ich nutze und auch immer empfehle. Wunderlist ist von Microsoft gekauft worden, also nur noch eine Frage der Zeit, bis die das Ding dicht machen.

DL: Da freust Du Dich.

LB Nein, Wunderlist ist ein tolles Tool, gar keine Frage. Ist eine deutsche Firma, finde ich auch gut, mit Sitz in Berlin, 6 Wunderkinder, super genial. Ich sage das deshalb, weil viele Programme, ich hatte Sunrise-Kalender zum Beispiel im Einsatz, das ist ein ganz toller Kalender für MAC OS, aber auch IOS, ist auch von Microsoft gekauft worden, ist eingestellt worden. Da gibt es viele Beispiele, Google macht das übrigens auch so. Google kauft auch Firmen und macht die hinterher dicht, mit tollen Produkten, weil die einfach nur die Entwickler haben wollen. Aber egal, werden wir mit Wunderlist sehen. Zurück zum Thema: Welches Buch hat Dich als Unternehmer und Mensch am meisten geprägt, außer Deinem eigenen natürlich?

DL: Das Geheimnis des Erfolges von Og Mandino. Man kennt ihn nicht unbedingt, das ist der ehemalige Verleger des Success-Magazines aus den USA und hat in den 80er Jahren ein Buch geschrieben, was für mich absolut gegenüber allen Büchern überlegen ist. Es spielt darin NLP eine Rolle und absolute Konzentration auf verschiedene Lektionen des Lebens, die logisch hintereinander gebracht werden. Und ich liebe dieses Buch, weil es ganz tief in mir ganz viel verändert hat und einen Großteil meiner Veränderungen mit begleitet hat.

LB Kommt auf die Leseliste und natürlich hier in den Artikel wird er auf jeden Fall verlinkt, dass jeder sich das Buch angucken kann.

DL: Das Buch gibt es nur noch in homöopathischen Dosen, mindestens 200 Euro bei Amazon.

LB Nein!

DL: Doch!

LB Okay, wird nicht verlinkt, wir werden sehen. Welches ist der beste Ratschlag, den Du jemals erhalten hast?

DL: Etwas, was ich früher nie konnte, Stille auszuhalten und warten, was passiert.

LB Stille? Was machst Du als Unternehmer, um abzuschalten?

DL: Meditation und Squash.

LB Dann erstmal vielen, vielen Dank bis hierhin, Dirk, hat Spaß gemacht. Ich fand es super, wie offen Du über Dein Leben und Deinen Weg zu dem, was Du jetzt bist, gesprochen hast. Danke dafür! Letzte Frage: Wie kann die „Produktion in digitalen Zeiten“-Community mit Dir in Kontakt treten?

DL: Gerne über meine E-Mail, dirk.ludwig@me.com

LB Super, vielen, vielen Dank nochmal, Dirk. Ich fand es ganz toll und ich sage mal, ich wünsche Euch viel Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben, auf bald, ciao.

Hinweis: Ich behalte mir das Recht vor, beleidigende oder vom Thema abweichende Kommentare zu löschen.